Deutsche Sportlotterie

Change-Management par excellence

Jessica Steiger: Wollte unbedingt an meinem Traum festhalten

Umdisponieren, improvisieren, die Motivation zurückerlangen – all das musste Jessica Steiger in den vergangenen Wochen bewältigen. Für die deutsche Rekordhalterin in 200 Metern Brustschwimmen kam die Verlegung der Olympischen Spiele in vielerlei Hinsicht zu einem ungünstigen Zeitpunkt, wie sie im Interview mit der Deutschen Sportlotterie berichtet.

Jessica Steiger, Du hast intensiv auf die Olympischen Spiele 2020 hingearbeitet. Wie sahen beruflich und privat Deine Pläne für die Zeit nach Tokio aus?

Ich wollte nach den Olympischen Spielen in Tokio im Sport kürzertreten und ab September ins Berufsleben einsteigen. Außerdem wollten mein Verlobter und ich im kommenden Jahr heiraten. Insofern hatte ich beruflich wie privat einige Pläne, die aber nun umgeworfen wurden. Im Job wurde ich für den Sport zum Glück für ein Jahr freigestellt. Das hat mir einiges erleichtert. Privat ist es so, dass wir nun schon im August 2020 heiraten. Im Hinblick auf eine große Feier im kommenden Jahr müssen wir nun erst einmal abwarten, ob sich das mit einer möglichen Olympia-Qualifikation vereinbaren lässt, oder ob wir noch einmal umdisponieren müssen.

Wie hast Du die Absage bzw. Verlegung der Spiele ins kommende Jahr aufgenommen?

Als ich gehört habe, dass die Spiele auf 2021 verschoben wurden, habe ich erst einmal angefangen zu heulen. Denn ich war echt topfit, bin einen tollen Wettkampf geschwommen. In einer Phase, in der ich noch gar nicht so gut vorbereitet war, habe ich die Norm um nur 33 Hundertstel verpasst. Nach und nach fielen dann ja schon die Wettkämpfe aus. Und hätte man an den Olympischen Spielen festgehalten, hätte ich wohl sehr gute Chancen auf die Qualifikation gehabt. Als das nach hinten verlegt wurde, war ich daher erst einmal fix und fertig. Denn es schossen mir extrem viele Fragen durch den Kopf: Wie vereinbare ich das mit meinem Job? Wie regle ich das privat? Wie finanziere ich das Ganze? Werde ich nächstes Jahr überhaupt dabei sein können?

Welche Hürden gab es zu meistern und welche Dinge galt es zu berücksichtigen, um zu entscheiden, ob Tokio 2021 für Dich realistisch sein würde?

Vom Herzen her wusste ich sofort, dass ich unbedingt an meinem Traum festhalten wollte. Aber die Rahmenbedingungen mussten natürlich stimmen. Zunächst einmal musste ich mich um die Finanzierung nach Ablauf meiner Sponsoren-Verträge kümmern. Daher habe ich ein Crowdfunding gestartet. Nachdem das so erfolgreich war, waren die Rahmenbedingungen gegeben. Und dann stand für mich ganz schnell fest, dass ich weitermachen und es noch einmal versuchen würde. Ich hätte mir sehr wahrscheinlich große Vorwürfe gemacht, wenn ich dieses eine Jahr nicht noch in Kauf genommen hätte.

Fällt die Motivation unter diesen Umständen schwerer?

Das fiel mir gerade zu Beginn schon sehr schwer. Natürlich hat man das eine Hauptziel, die Olympischen Spiele 2021. Aber man setzt sich ja auch immer wieder kurzfristige Ziele – zu einer Leistungsüberprüfung, zu einer Qualifikation für eine Europa- oder Weltmeisterschaft. Dadurch, dass jedoch gar kein Wettkampf anstand, wusste niemand so genau, wie man nun überhaupt inhaltlich trainieren sollte, wie die Quali im nächsten Jahr aussehen würde usw. Das alles war sehr ungewiss. Man ist zum Training gegangen und hat so vor sich hin trainiert, ohne festes Ziel im Blick. Natürlich ist die Qualifikation für Tokio nach wie vor das große Ziel, aber sie ist noch so weit weg, von daher so wenig greifbar. Und die zwischenzeitliche Leistungsüberprüfung auf Wettkämpfen fehlte einfach.

Was tust Du, um Dich trotzdem zu motivieren?

Um überhaupt motiviert ins Training zu gehen, habe ich mir viele Videos aus vergangenen Tagen, von Europa- und Weltmeisterschaften angeschaut. Vor allem von der WM im vergangenen Jahr und Gwangju (Südkorea). Sie war so aufgebaut wie die Olympischen Spiele – es war ein tolles Feeling, das ich gerne noch einmal erleben möchte. Ich weiß, wie viel ich dafür gearbeitet habe. Und ich weiß, dass ich nun noch viel härter weiterarbeiten muss. Von daher gehe ich inzwischen schon ins Training und halte mir das Ziel 2021 vor Augen.

Wie sieht aktuell Dein sportlicher Alltag aus?

Im Moment ist er bis auf die Trainingszeiten wieder recht normal. Für gewöhnlich trainiere ich morgens von 7 bis 9 Uhr und nachmittags von 16 bis 19 Uhr. Aktuell beginne ich von 10 bis 12 Uhr und trainiere dann noch einmal von 17 bis 20 Uhr. Das bringt den Biorhythmus ehrlich gesagt ein wenig durcheinander. Natürlich kann man morgens etwas länger schlafen. Aber als ich einen Wettkampf am Bundesstützpunkt in Magdeburg hatte, der um 7 Uhr mit dem Einschwimmen begann, war ich noch sehr müde. Ich war einfach nicht mehr gewohnt, so früh im Wasser zu sein. Und normalerweise versucht man ja so zu trainieren, dass man morgens und nachmittags beim Wettkampf auf dem Punkt fit ist. Morgens ist es immer so, dass um 7 oder 7.30 Uhr Einschwimmen ist und um 9 Uhr dann der Beginn des jeweiligen Wettkampfs. Auch am Nachmittag geht es gegen 16 Uhr los, also zu unseren ursprünglichen Trainingszeiten. Nun sind die Zeiten ganz andere und das ist wirklich eigenartig, zumal man abends gefühlt nur noch nach Hause kommt, etwas isst, und dann ins Bett fällt. Das ist schon eine Umstellung.

Und wie sieht es aktuell mit Wettkämpfen aus?

Ich hatte bislang seit März einen einzigen Wettkampf – den eben erwähnten Bundesstützpunkt-Wettkampf im Magdeburg. Dieser fand unter Corona-Bedingungen statt. Das war ein bisschen eigenartig, weil so gut wie niemand da war und wir alleine schwimmen mussten. Das heißt, ich wurde aufgerufen auf Bahn vier und alle anderen Bahnen waren frei. Dementsprechend war das kein richtiges Wettkampfgefühl, denn normalerweise sieht man im Rennen selbst die Konkurrenz, die das Pace vorgibt. Man kämpft dadurch einfach mehr, weil man sich durchsetzen und unbedingt gewinnen will. Wenn man dann aber ganz alleine im Lauf steht, ist das sehr seltsam. Im August machen wir noch einmal eineinhalb Wochen Sommerpause und dann geht es hochmotiviert in die neue Saison.
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